
Synopsis
Am Tag, als ich geboren wurde, beendetet die Geliebte meines Vaters die Affäre nach 13 Jahren. Meine älteste Schwester war verheiratet, die Mittlere im Begriff aus der Provinz in die Großstadt zu ziehen. Meine Mutter hatte sich unterdessen selbstständig gemacht, mit einer Kneipe.Ich war das Nesthäkchen. Von dieser Position aus beginne ich meine filmische Recherche, als Chronistin der Familiengeschichte.
Je tiefer ich grabe, desto mehr taucht auf: Nicht nur bei meinen Eltern, auch schon die Liebesbeziehungen unserer Vorfahren widersprechen den gesellschaftlichen Normen und Rollenbildern ihrer jeweiligen Zeit und mit ihnen ein ganzes Tableau an Abweichungen, Geheimnissen und Zufällen, die ich im Film anekdotenhaft zusammenführe: Eine Ehe zu dritt, eine Adelige, die sich in einen Gärtner verliebt, ein Taxifahrer namens Richard-Wagner, der meine Mutter verführt, Gräber im Elsass, auf denen mein Name steht und jede Menge Dorf-Punk und Tresen-Geheimnisse sowie eine Begegnung mit Werner Herzog.
Auf diese Weise entsteht ein Film, der sowohl geografisch als auch formal auf Entdeckungsreise geht, die nicht nur unter meine Haut geht, sondern durch ganz Deutschland und darüber hinaus, in die Grenzregionen im Norden, Süden und Südwesten der Republik.
Skurril, trocken, heiter-verzweifelt. Ein zutiefst persönliches Filmvorhaben über deutsche Identität, Kleinbürgerlichkeit, die Rolle der Frau und ihre Unangepasstheit, über Vor- und Nachkriegsdeutschland.
Die Geschichte einer besonderen weiblichen Kraft. Ein Panorama weiblicher Erlebnisräume im Wandel der Zeit.


Materialsammlung
Recherchereise:
Berthold und Bernhardine
Lörzenbach im Odenwald, Darmstadt.
Die Jahre 1858-1900
2022 klingelte ich unangekündigt bei Familie Leitner in Lörzenbach. Meine Suche nach dem Elternhaus meines Großvaters hatte mich – mithilfe historischer Karten und Google Maps – genau zu diesem Hof geführt. IGuten Tag“, sagte ich, „ich glaube, mein Großvater ist hier geboren. Kann es sein, dass früher die Familie Rösser auf diesem Hof lebte?“ „Kommen Sie rein“, sagte sie, „mein Mann kann Ihnen viel erzählen.“ (…to be continued)







Verdichtung
Modell des Elternhauses
Hartschaumplatte, Papier, 2025


Diese Arbeit begann mit dem präzisen Nachbau meines Elternhauses nach dem Originalplan von 1964 – Maßstab 1:100. Beim Schneiden, Kleben und Zusammensetzen des Modells setzte ein innerer Prozess ein: Während ich das Haus formte, ging ich gedanklich durch die Räume – erinnerte mich an Geräusche, Gerüche, Begegnungen, an gelebtes Leben, teilweise aus der Zeit vor meiner Geburt, das ich nur kenne durch die an die Fotos der Familie: begonnen mit quadratischen Fotografien in schwarz-weiß, später dann in pastelligen Farben, oder vergilbten Farbfotos aus den 1980er Jahren.
Das Haus, ursprünglich als Hoffnungsträger für ein gutes Leben von meinen Eltern 1966 gebaut, ist heute nach dem Tod meiner Mutter nur noch ein Gefäß, gefüllt mit Schichten von Erinnerungen – eine äußere Hülle. Es steht leer, wird von meiner Schwester beatmet und künstlich amLeben gehalten.
Im nächsten Schritt wird das fertige Modell, das “Gefäß” mit flüssigem Beton geflutet. Der Beton konserviert, überformt, löscht. Ein blockhaftes Objekt, in dem die Spuren der Vergangenheit fast vollständig von unbeweglichem Material überlagert sind.

Tante Elke
Die Geliebte meines Vaters.
Text, 2023

Recherche:
Grete und Karl.
Saarbrücken, Königswinter, Elsass.
Die Jahre 1928 – 1943
Die Liebesgeschichte von Grete und Karl begann im Hotel Adler in Königswinter, dort arbeitet die junge Grete und Karl war Geschäftsreisender.
„Wenn ich ihn sah und er mich, dann schlugen unsere Herzen höher. Karl war 29 Jahre älter als ich, ein stattlicher Mann, groß und gut gekleidet, trug meist einen Mantel aus Wolle. Er hatte einen Wagen, einen Opel, den die Firma Miele ihm zur Verfügung gestellt hatte. Mit dem fuhren wir überall hin. Durch seine berufliche Stellung hatte er gute Verbindungen zu Geschäftsleuten und immer Überraschungen für mich. Einmal fuhren wir zur Olympiade nach Berlin, das war 1936, einmal zu den Festspielen nach Oberammergau. Ich habe es eigentlich nie verkraftet, dass er sich nicht hat scheiden lassen. Es war eben so. Als er das Haus in Lothringen für uns gekauft hat, hat er mir ja den Laden eingerichtet, die gesamte Ausstattung bezahlt, die Einrichtung, die Ware, die Stoffe. Französische Ware, das war alles vom Feinsten, auch unsere Möbel, Kindermöbel aus weißem Schleiflack, Porzellan, eine Badewanne, fleißend warmes Wasser, sogar ein Dienstmädchen, die liebe Helene. Von unterwegs schrieb er uns Postkarten. Er vermisste mich und die kleine Hanni unendlich, hätte alles dafür getan, immer bei uns sein zu können. Wenn er am Wochende kam, waren wir alle aus dem Häuschen…“ (…to be continued)




Hanni und Willi.
Saarland, Eigenheim, Tresengeheimnisse.
Die 1970er und 80er Jahre.
